logo
 
 
FUNDAMENTALISTEN DES BILDES
by Mark Stöhr in Schnitt Nr.38 , 2005
 
Fundamentalisten des Bildes

Ihr Werk gilt vielen als Skandal und jenseits des Zumutbaren, obwohl das eigentlich Skandalöse der Filmgeschichte deren weithin dominierende Mutlosigkeit ist: Experimentalfilmer und Kinoavantgardisten verschiedener Generationen, welche die Möglichkeiten des Mediums ausloteten und seine Ästhetik an anderen Kunstformen rieben und der Welt öffneten. Eine 15teilige DVD-Edition versammelt Arbeiten der wichtigsten österreichischen und internationalen Vertreter der Film- und Videokunst.


Das erste Kino war eine Höhle kurz nach der Erstarrung der Erdkruste, in die durch ein kleines Loch die von der Außenwelt reflektierten Lichtstrahlen ein Abbild derselben warfen, spiegelverkehrt und am Kopf; eine Camera Obscura der Naturgewalten. Gewitter, die Phasen des Mondes, der Lauf der Gestirne – Lichtbilder im Projektionsraum Himmel“, schreibt der österreichische Filmemacher Gustav Deutsch im Vorwort zur DVD-Fassung seines Tableaufilms Film ist. Ein unermüdlicher Film--Archäologe, der in seiner Arbeit weit zurückgeht bis zu den Anfängen des Mediums und in zwölf Kapiteln einige der Prinzipien zur Anschauung bringt, die ihm zugrunde liegen. Die erste Hälfte ist eine Kompilation von Ausschnitten aus wissenschaftlichen Forschungsdokumentationen – das Labor als eines der Fundamente des Films. Bewegungsstudien von Sportlern -stehen neben denen eines Kleinkindes, eine Taube erhebt sich in die Luft und wird in ihrer Flugmotorik sichtbar, -eine Maus wird von einer Schlange gepackt und überschlägt sich in Zeitlupe. Und immer wieder Augen in Großaufnahme, Gegenstände fokussierend, sich vor dem Lichteinfall verschließend. Deutsch entdeckt die experimentelle Formensprache des Wissenschaftsfilm mit seinen extremen Zeitraffern und Bildverlangsamungen, den tele- und stereoskopischen Arbeitsmodi neu und überführt das Found Footage mit Loops und subtilen Sounds in eine Bildermontage von poetischer Schönheit.
Als Wegbereiter des strukturellen Films und „eine Art Vater des europäischen Avantgardefilms“ (Malcolm Le-Grice) gilt der österreichische Künstler Kurt Kren, Jahrgang 1929. Er torpediert in seinen Filmen das Zeitkontinuum des konventionellen Kinos, die Übereinkunft der Projektion von 24 Bildern pro Sekunde, in welcher der Einzelkader zugunsten der Bewegungsillusion aufgelöst wird. Gemäß dem Diktum von Peter Kubelka, der Film sei „eine Projektion von Standbildern“, macht Kren nicht die Einstellung, sondern den Einzelkader zur Grundeinheit seiner Montage. Das Ergebnis sind atemlose Kaskaden kurzer Schnitte wie in 3/60 Bäume, in denen das Abgebildete fast zu einer abstrakten, graphischen Komposition verschwimmt. Eine vorher festgelegte dramaturgische Struktur bestimmte Reihenfolge und Kadrierung der kahlen Stämme und Äste, die Montage des 16mm-Materials fand nicht am Schneidetisch statt, sondern im Prozeß des Aufnehmens.
Eine DVD der 15teiligen Edition, die von der Medienwerkstatt Wien und von sixpackfilm herausgegeben wurde, enthält auch drei Filme der wohl bekanntesten Provokateurin der österreichischen Kunstszene: Valie Export. Ihr „Tapp- und Tastkino“ von 1968, mit dem die inzwischen 65Jährige ihre Theorie des feministischen Aktionismus begründete, ist Legende – der Körper als Projektionsfläche. Ihr Körper ist auch in den Filmen Mann & Frau & Animal (1970-73) und Syntagma (1984) Schnittstelle zwischen Innen und Außen, Individuellem und Sozialem. In ...Remote...Remote (1973) sitzt sie vor einem überdimensionalen Kindheitsfoto und beginnt, sich mit einem Teppichmesser langsam die Haut oberhalb der Fingernägel abzuschälen, bis es zu bluten beginnt. So als fließe Vergangenes aus dem Körper. Immer wieder taucht die Künstlerin ihre Hände in ein Schälchen mit Milch, weiß wie eine Leinwand. Mark Stöhr

 
back to Overview