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DER BAUM, DER BLEIBT (DIE WELT)
by Christoph Huber in Die Presse , 23 Juli 2007
 
Testfall Avantgarde: Überleben Experimentalfilm-Extreme auf DVD? Zur Austro-Edition "Index".

Eines der größten Werke des Kino dauert keine vier Minuten und zeigt einen Baum in Vermont: 1978 machte der Österreicher Kurt Kren im US-Exil 50 Tage lang Einzelbilder desselben Flecks LAndschaft, spulte (abgelaufenen) Infrarotfilm für jede Aufnahme nach vorgefassten Plan vor und zurück, das Resultat war ein strahlendes Wunder: in rasender Bildfolge ändern sich Bild und Wetter, rasen Wolken und Tiere, schillern Blätterfarben im auf Sekundenbruchteile verdichteten Jahreszeiten-Wechsel. Krens Film '37/38 Tree Again' zeigt nur einen Baun, doch darin die Welt, beim Werden und Vergehen, er fasst ein zentrales Paradox des Kinos: Den endlosen Fluss der Dinge einfangen.

Der Film ist auf DVD, in einer Edition mit dem korrekten Namen 'Index', die-fern von beworben Kult-Klassiker- Österreichs wichtigsten Kino-Beitrag digitalisiert: sein reiches Experimentalfilmschaffen. Von 27 Silberscheiben erhalten drei den Großteil von Krens Werk- Kostbarkeit genug. Allein, wie der Name Index betont: DVD ist nicht gleich Film, verhält sich eher wie das Bild im Austellungskatalog zum Kunstwerk-bei 'normalen' Spiel- und Dokumentarfilmen ist man entsprechende ästhetische Abstriche gewöhnt, aber bei Experimentalfilm kann die Essenz entschedidend ändern.

Schlüsselbeispiel: Die 2003 erschienene Pionier-DVD im Avantgarde-Sektor vom Luxuslabel 'Criterion' zum wichtigen US-Regisseur Stan Brakhage, darauf sein Film 'Mothlight' (1963). Durch auf den Filmkader geklebte Insektenflügel und Blätter fallen in der Kinoprojektion wundersame Lichtmuster - der Motten, nicht des Lichts. Schwacher Trost: einfache Einzelbildschaltung ermöglicht jedem analystischen Zugriff auf den 'Bauplan'. Brakhages abstraktes Spätwerk handgemalter Filme zeigte hingegen eine Veränderung durchs Medium: Am Tv quasi'von Innen' bestrahlt, gamahnt es an Hinterglasmalerei und Kirchenfenster.

MAnche Austro-Avantgarde-Klassiker verlieren auf DVD zwar (erwartungsgemäß) Monumentalität, signifikante Detailwirkungen verschieben sich: Doch starke Ideen überleben, die rasenden psychosexuellen Dekonstruktionen gefundenen Hollywood-Materials bei Peter Tscherkassky und Martin Arnold ebenso wie die Zeitspregende Ekstase von Krens 'Tree again': der Baum, der bleibt. (die genau gebauten Arbeiten der regisseure lohnen dazu das Detailstudium.)

Weniger Verlustfrei überleben das 'Pumping Screen' - Flickern des Verstörungs-Experimente Dietmar Brehms, die Innerlichkeit vin Michael Pilz' wunderbarer 16mm Studie 'Parco della Rimembranze', kaum leidet dafür sein Video 'Was übersetzt ist noch nicht angekommen' , dessen Titel die Sache auf den Punkt bringt. Denn anderes muss nicht übersetzt werden: Peter Weibels TV-Konzept-kunst, Leo Schatzls Installations-Videos. Populärer Geheimtipp der (noch geringen) internationalen 'index'-Erweiterung sind die jährlichen Filme des Deutschen Jan Peters: Wie er sein Dreiminuten-Format immer neu sprengt, ist so konstant komisch, dass er eigentlich ebenso berühmt sein sollte wie Harald Schmidt oder Stromberg.
 
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