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FILME ÜBER FILME ÜBER FILME
by Dietmar Kammerer in Spex , 09/2005
 
Gustav Deutschs „Film ist.“ und andere Reflexionen auf das Medium machen das Programm der Index-DVD-Edition zur Fundgrube Österreichs. Eine internationale Reihe folgt.

Filmtheorie ist: ein Dialog der Bilder mit den Worten. Die zwölfteilige Serie „Film ist.“ von Gustav Deutsch stelt die Probe aufs Exempel einer einfachen Behauptung dar: Film existiert. Auch ohne weitere Definitionen. Punktum.

Wie kann etwas das Licht der Welt erblicken, das selbst das Licht der welt ist? Deutschs Idee eines „universellen Kinos“, das nicht erst als menschliche Erfindung in dieser oder jener mechanischen Apparatur zustande kam, sondern als optisches Phänomen immer schön über die Netzhäute der Natur flimmerte, muss ohne jeden Naturmystizismus als striktes Glaubensbekenntnis und präzise Arbeitsanleitung des österreichischen Found-Footage-Experimentators verstanden werden. Nicht nötig, Film zu „Machen“. Man findet ihn immer schon vor, in Mülleimern, unter Schneidetischen, auf Flohmärkten. Die Welt ist voll von ungeliebtem, verschmähtem, weggeworfenem, wergessenem Material, das gefunden werden will. Wenn Deutsch seine Fundstücke dann doch historisch ordnet und nach der doppelten Herkunft der bewegten Bilder, dem Jahrmarkt und dem Labor, befragt, so nur, um unter beiden Traditionen die tiefer liegenden Momente freizulegen: Bewegung, Licht, und Schatten, Affekte. Auf seiner Suche plündert Deutsch nicht die Kunstkammern, sondern die Bergwerke der Filmproduktion.Industriefilme, die Bilder „von unglaublicher Grazie und unbeschreiblichem Terroe“ enthalten, wie Tom Gunning in seinem Essay in der beigefügten Broschüre schreibt. Kürzlich haben sich die Majors der amerikanischen Filmindustrie auf einen gemeinsamen Standard des digitalen Kinos geeinigt. Geht es nach irhem Willen, wird herumliegendes Footage, werden Filmschnipsel bald der Vergangenheit angehören. Wohin verschwinden Bits und Bytes nach einem Delete-Befehl?

Gar nicht so andere Bilder versammelt die DVD „Sonic Fiction – Synaesthetic Videos from Austria“. Zwar sind die zwölf Experimentalvideos aus dem Umfeld der elektronischen Musikszene Wiens technisch vollständig Produkte des Digitalen – am Rechner entstandene, bearbeitete oder umgeformte Bilder. Aber sie greifen die Frage Deutschs sozusagen vom anderen Ende her auf. Sie begreifen Bilder nicht als reduzierbar auf irgendeine vorgegebene Wirklichkeit, die stets eine wie auch immer geartete Definition im Schlepptau mit sich führt , und begreifen sie auch nicht – oder erst recht nicht – als reduzierbar auf einen Sound. Das „Wesen“ des Filmischen bedeudet auch hier, kein wesen zu haben, alles sein zu können, Sound-und-Bild, Bildsound, soundbild. es gibt kein visuelles ohne ein akustisches Ereignis – wie das Flackern bei der Zündung von Leuchtstoffröhren.

Die „Index-DVD-Edition“, in der die vorgestellten Arbeiten erschienen sind, ist ein gemeinsames Projekt des verdienstvollen Sixpackfilm-Vertriebs/-Verleihs im Verbund mit der Medienwerkstatt Wien. Bislang sind unter diesem Label 15 DVDs zur österreichischen Film-, Video- und Medienkunstgeschichte produziert worden, darunter Ausgaben mit Arbeiten von Lisl Ponger, Peter Tscherkassky, Kurt Kren, VALIE EXPORT, und Granular Synthesis. eine weitere Reihe mit Werken internationaler KünstlerInnen ist Vorbereitung. Jeder DVD ist ein ausführlisches Booklet mit Informationen beigelegt. Wem all das als Argument noch nicht reicht, dem sei hiermit mitgeteilt, dass die Edition mit so viel Sorgfalt im Detail und Geschmack im Design gestaltet wurde, dass es eine reine Freude ist.
Dietmar Kammerer
 
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